Anders als sein Bühnen-Alter-Ego hat Richter sich aber zusammen mit der niederländischen Tänzerin und Choreographin Anouk van Dijk letztlich doch für einen anderen Titel entschieden: "Protect Me" heißt ihr Schaubühnen-"Projekt". Es ist nach "Nothing Hurts" (1998) und dem sensationellen "Trust" (2009) ihre dritte gemeinsame Arbeit.
Tatsächlich bleiben sie ihren Themen weitestgehend treu. Es geht um das moderne Individuum, das seiner Richtschnuren beraubt ist, den Menschen, der sich selbst die Beziehungsleinen gekappt hat, um Nähe, Vertrauen, der Angst davor und der Sehnsucht danach, vermengt mit einem ordentlichen Schuss Kapitalismuskritik, Richters Lieblingsthema, das sich hier allerdings nur mäßig gut verankert. So ein Bankenrettungsschirm taugt als Antwort auf den individuellen Hilfeschrei "Protect Me" kaum. Nicht mal ironisch. Stark ist dieser Abend dort, wo er persönlich, ja privat wird.
Die Story des Autors (abwechselnd von Kay Bartholomäus Schulze und Stefan Stern verkörpert), der nach einem Namen für sein Stück sucht, ist dabei nicht nur Klammer, sondern vor allem ein cleverer Meta-Dreh, der mit jeder neuen Namensidee breite Assoziationsflächen öffnet für die fünf Schauspieler und die vier Tänzer (inkl. Anouk van Dijk, die selbst mittanzt).
Immer wieder berühren sie wie zur Sebstvergewisserung ihren Körper an Knien, Armen und Bauch. Und dann schrauben sich die Tänzer hinein in die Richterschen Textspiralen über ein imaginiertes "Internationales Help Resort", in dem gestresste Weltbürger mit Yoga und Klangschalen einen vermeintlich "geschützten" Raum finden. Es gibt den ewigen Praktikanten, die Schauspielerin, die ihre Identität gegen die ihrer Rolle eintauscht und es gibt auf der in kühler Schaubühnen-Ästhetik gehaltenen Bühne für den Rückzug mehrere kleine Isolationsboxen, in denen die Schwerkraft des Lebens aufgehoben scheint.
Als ausgesprochen fruchtbar für das Motto des Abends erweist sich die Figur von Erhard Marggraf. Er spielt den Senior der Runde, des Autors Vater, etwas gebrechlich schon, aber so willensstark wie die junge Generation mutlos ist. An ihm zeigt sich auch die Zweischneidigkeit des Begriffs "Schutz", an ihm, dem Vater, der immer nur das Beste wollte und dem Kind die Luft zum Atmen nahm und am Sohn, der dem Alten jetzt die Selbstbestimmtheit nimmt. Malte Beckenbach und Matthias Grübel steuern eine Musik bei, die (Meeres-)Rauschen mit Herzschlagbeats vermengt, ab und an gibt's akustische Explosionen, bei denen die von Anouk van Dijk entwickelte Tanztechnik der Gegenbewegungen von Gliedmaßen zu Höchstform aufläuft.
Das alles ist sehr präzise inszeniert, es gibt einige kluge Dialoge, berührende Körpermomente und doch kann der Abend nicht ganz an den letztjährigen Erfolg anknüpfen. Das mag daran liegen, dass Tanz und Text hier deutlich getrennter voneinander agieren als noch in "Trust", seltener sind diese ganz und gar beglückenden Szenen, in denen die beiden Genres sich unterhaken und federnd leicht zur Hybrid-Form verschmelzen. Spaß macht er trotzdem wieder, dieser Abend, der in der Vielfalt seiner Themen und Typen auch so etwas ist wie ein gigantisches Artenschutzprogramm für die Spezies Mensch gegen die gesellschaftliche Zerstörung und die Selbstzerstörung.
Schaubühne am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 153, Wilmersdorf. Tel. 89 00 23. Termine: Heute, 10. und 11.11., 20 Uhr.

